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Das Haus in der Usagasse 14 war seit seiner ersten urkundlichen Erwähnung im Jahre 1607 Bäckerei gewesen. Darum lag es auch am äußersten Stadtrand; hier übten Bäcker und Schmiede ihr feuergefährliches Handwerk aus, und darum hieß auch der untere Teil der Gasse früher „Schmiedgasse“. Dendrochronologische Proben an zwei verschiedenen Stellen ergaben, daß die Balken des Hauses aus dem Jahre 1686 stammen. Später wurde dem Dach eine kleine Krüppelwalm zugefügt - die Größe der Walm zeigte die Bedeutung des Hausherren in der Stadt an.

 

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In allen Registern der Stadt ist stets ein Bäcker als Besitzer genannt. Die kleine Pforte zum Hof (links des Hauses)  trägt in ihrem Sturz seit dem Jahre 1739 das Zunftzeichen der Bäcker: zwei widersehende Löwen halten eine überkronte Brezel. Es ist das älteste Handwerkszeichen Friedbergs am ursprünglichen Ort

 

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Im Hof ist ein weiteres Zunftzeichen von 1885 zu sehen, das in etwas eigenwillger Gestaltung vom damaligen Hofbäcker Georg Windisch angebracht worden war. Er belieferte den großherzoglich hessischen Hof, wenn der Großherzog im Schloß - seiner Sommerresidenz - weilte, und auch den kaiserlich russischen Hof, als die Zarenfamilie im Jahre 1910 zur Kur in Nauheim im Schloß wohnte.

 

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Windisch soll als besondere Huldigung für die Zarenfamilie eine große Fahnenstange am Dachstuhl angebracht haben, von der eine riesige Fahne herabhing. Bei einem Sturm soll dadurch der Dachstuhl in Richtung der Usagasse verzogen worden sein.

Das alte Bild (u. re.) des Hauses zeigt eine bedauerliche Erscheinung in Friedberg: Fachwerk galt seit dem Barock als ländlich, und so wurden viele schöne Häuser verputzt oder verschiefert. Noch aber zeigen hier die Schwellen und Balkenköpfe, dass sich unter dem Putz altes Fachwerk verbergen muss. 1937 übernahm Ernst Mörler, der Vater des jetzigen Hofbäckers Peter Mörler, die Bäckerei von seinem Lehrmeister Windisch, und mit dem Sohn Steffen-Peter steht jetzt die dritte Generation der Familie am selben Ofen.

 

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Im Jahre 1970 hatte Peter Mörler das Haus von seinem Vater übernommen. Damals gab es nur zwei Häuser in der vormaligen Schmiedgasse, die ihr schönes Fachwerk zeigten. Im Jahre 1977 ließ er den Putz entfernen, legte die schöne Zimmerarbeit frei, und ließ die einstmals „modernen“, aber unpassenden Fenster wieder durch solche ersetzen, die dem Haus seine richtigen „Augen“ wiedergaben.

 

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Andere Hausbesitzer folgten gottseidank seinem Beispiel. So hat die alte Gasse, einst Abschnitt der wichtigen Handelsstraße von Hamburg nach Basel, wieder das Aussehen erhalten, das ihrer als Teil der alten Reichsstadt Friedberg würdig ist. Mit dem Blumenschmuck (ich vermute, dass wie so oft die Frau Meisterin dafür verantwortlich ist) zeigt sich das Haus nun wieder in seiner einfachen und klaren Schönheit als ein wahres Schmuckstück seiner Umgebung.

 

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